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b.o.f.h.
 
  bastard operator from hell  


Nichts liebt der B.O.F.H. mehr als eine Vertragsprogrammierer, der noch grün hinter den Ohren ist. Doch zeigt er auch Mitleid mit ihm, als der Chef ihn mit seinen seltsamen Einfällen quält ...

Genau das ist das Problem, wenn sich IT-Manager treffen - weil sie sich gegenseitig übertrumpfen wollen, verkünden sie voller Begeisterung, daß sie schon Programme benutzen, die die anderen noch gar nicht kennen. Zum Beispiel behauptet unser IT-Chef, daß wir schon im ganzen Unternehmen Software einsetzen, die es jedem Mitarbeiter ermöglicht, am Arbeitsplatz Waren zu bestellen und liefern zu lassen.
 
"Und hier ist ihr künftiger Arbeitsplatz", erklärt der Chef väterlich, als er unser Büro in Begleitung eines Auftragsprogrammierers betritt, den die Vermittlungsagentur nach einer kurzen Anforderung durch den Chef geschickt hat. Offensichtlich soll er das Programm schreiben, über dessen Existenz der Chef gelogen hat. Ich fühle etwas Mitleid mit dem Programmierer (Immerhin mußte er den halbstündigen Vortrag des Chefs über die Wunder der Kopiertechnik über sich ergehen lassen - eine Dosis, die im Normalfall fatal wirken kann.), so daß der PJ und ich uns nicht darüber beschweren, daß der Chef unbefugt in unser Territorium eindringt.
 
"Geben sie ihm einen Rechner, mit dem er das Online-Bestellsystem entwickeln kann."
 
"Ein Online-Bestellsystem?" frage ich. "Das könnte schwierig werden - dafür braucht er einen besonderen Rechner."
 
"Gut, dann bestellen sie eben einen. Kommen sie ASAP mit der Bestellung zu mir!"
 
Die nächsten zehn Minuten verbringen der PJ und ich damit, die Bestellung für einen PC zusammenzustellen, der mit allen erdenklichen Zusatzgeräten und Erweiterungen ausgestattet ist.
 
Der Chef unterschreibt die Bestellung ohne mit der Wimper zu zucken, und ich schicke sie als Fax an unseren Zulieferer, der anruft, um die prompte Lieferung anzukündigen.
 
Als der neue Rechner ankommt, installieren der PJ und ich noch ein paar zusätzliche Erweiterungen - mit anderen Worten, wir stehlen alles, was wir brauchen können, und überlassen den umkonfigurierten Rechner dem Programmierer ...
 
Der hat in der Zwischenzeit seine Wandtafel bemalt.
 
"Was bedeuten diese Kästchen?" fragt ihn der PJ.
 
"Nun, sie repräsentieren die drei Lebenszyklus-Phasen von Software - Entwurf, Entwicklung und Pflege." antwortet er begeistert.
 
Er ist so grün ...
 
"Sie haben gerade ihre Ausbildung zum Programmierer abgeschlossen, oder?" frage ich freundlich.
 
"Nun, ich habe etwas Erfahrung mit der Entwicklung von Web-Applikationen."
 
"Aber keine Praxiserfahrung?"
 
"Ich ..."
 
Der PJ und ich seufzen unisono, wobei ich ein paar Pfeile auf die Tafel zeichne.
 
"Der wahre Lebenszyklus eines Programms sieht eher so aus", sage ich. "Design, Implementierung, Rückmeldungen, Implementierung, Rückmeldungen, Implementierung und so weiter bis sie sterben - wenn sie überhaupt jemals bis zur Implementierung und aus der Design-Phase herauskommen."
 
"Und wie reagieren sie darauf?"
 
"Ganz einfach, es gibt nur eine Phase: die Implementation."
 
"Aber es muß doch Rückmeldungen geben."
 
"Die gibt es natürlich. Genau deshalb werden ja die meisten Büros mit Ablagen für Rückmeldungen ausgestattet, die die Reinigungskräfte in der Nacht für sie auffüllen."
 
"Ich weiß nicht recht. Ich denke, ich werde es ordentlich programmieren."
 
"Aber sagen sie nicht, wir hätten sie nicht gewarnt."
 
Einen Tag später hat der arme Trottel noch immer keine Ahnung, was er eigentlich programmieren soll, so daß der PJ und ich ihm raten, die Design-Phase zu überspringen und eine passable Abfrageoberfläche für eine Datenbank mit E-Mail-Funktionalität aus den brauchbarsten Bestandteilen des Web-Systems der Personalabteilung zu programmieren. Er verbringt lange Stunden damit, phantasievolle Funktionen zur Bestandsverwaltung zu programmieren und so weiter ...
 
Nachdem wir ihn sorgfältig auf die Präsentation seiner Arbeit vorbereitet haben, entlassen wir ihn in die Obhut des Chefs.
 
Eine halbe Stunde später kommt er mit einem traurigen Gesichtsausdruck zurück.
 
"Wie ist es gelaufen?" fragt der PJ.
 
"Er hat es nicht einmal ausprobiert. Ich soll nur die Farben der Schaltflächen, die Schriftgröße etc. ändern."
 
"Das überrascht mich nicht." kommentiere ich. "Also haben sie es geändert?"
 
"Ja, aber dann wollte er noch weitere Farben ausprobieren."
 
"Natürlich. Und andere Schriftarten?"
 
"Ja."
 
"Wie ist es mit dem Firmenlogo? Wollte er auch da Änderungen?"
 
"Ja, er wollte, daß ich es in der Mitte plaziere und nicht linksbündig."
 
"Machen sie sich keine Sorgen", antwortet der PJ. "Morgen wird er verlangen, daß sie das Logo wieder am linken Rand unterbringen. Dann auf der rechten Seite und später wieder in der Mitte ..."
 
"Was soll ich tun?" schnieft er. "Er wollte das Programm nicht einmal in Aktion sehen."
 
"Er hat nur gesagt, daß es in Ordnung ist und hat ihren Vertrag gekündigt?" frage ich wissend.
 
"Ja, so ist es. Ich soll nur die ästhetischen Feinheiten vollenden, und dann läuft mein Vertrag aus."
 
Die demoralisierende Wirkung die davon ausgeht, daß all sein Wissen und Können darauf reduziert wird, Farben und Schriftarten zu ändern, fordert ihren Tribut von dem armen Wicht.
 
"Ja, er hat sich nicht darum gekümmert, was das Programm macht. Hauptsache, es sieht gut aus. Nun, haben sie ihm gesagt, was wir ihnen empfohlen hatten?"
 
"Ja, ich sagte ihm, daß es sich um eine Testversion handelt, die noch nicht verteilt werden kann."
 
"Gut. Das bedeutet, daß er die URL dem IT-Chef bestimmt schon gegeben hat."
 
"Und der wird sie allen anderen Abteilungsleitern gegeben haben." fügt der PJ hinzu.
 
"Aber das Programm ist doch noch nicht fertig." schluchzt er, eindeutig zutiefst erschüttert von dem Gedanken, daß er eine fehlerhafte Software programmiert haben könnte. "Ich will wirklich, daß es gut funktioniert."
 
Ich sehe, daß dies eine Aufgabe für den wahren Profi ist ...
 
Zwei Tage (und 5.000 Rollen Toilettenpapier, die dem Chef und dem IT-Chef geliefert wurden) später sitzt unser begeisterter Programmierer wieder an seinem Projekt.
 
Ich bin mehr als erfreut darüber, daß seine Ablage für Rückmeldungen vollgepackt ist mit Zetteln, auf denen der Chef in Handschrift seine Design-Ideen verewigt hat.
 
Nun, er wird es schon noch schaffen ...


 
b.o.f.h.

© Simon Travaglia, 25.05.1998, Übersetzung: thomas w., 2000.