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b.o.f.h.
 
  bastard operator from hell  


Ich sehe etwas mit meinen B.O.F.H.-Augen ...

"ICH SEHE ETWAS", murmle ich mit heimtückisch glitzerndem Blick ins Büro. "Ich sehe etwas, das mit einem E beginnt."
 
"Explosion!" antwortet der PJ, immer bereit, etwas gegen die tägliche Langeweile zu tun.
 
"Sie können eine Explosion nicht SEHEN!" erwidere ich.
 
"Da muß ich zu meinem Bedauern widersprechen. Wie wäre es mit einer Demonstration?"
 
"Ach, nein. Nicht wirklich. Doch trotzdem, sie können eine Explosion nicht SEHEN. Sie können eine Explosion ERLEBEN."
 
"Aber SEHEN ist, WIE man sie erlebt", kontert der PJ.
 
"Und wie ist es, wenn sie sie nur hören?" frage ich, selbstverständlich so gelangweilt von den Tagesaktivitäten wie er.
 
"Das ist Haarspalterei - aber fragen wir doch den Chef ... SEHEN sie eine Explosion oder ERLEBEN sie eine Explosion?"
 
"Wieso?" fragt der Chef, der nervös ins Büro kommt. Zweifellos wünscht er sich jetzt, er hätte die Frühstückspause vorgezogen.
 
"Es geht nur um eine Diskussion zwischen uns ..."
 
"Ja, aber WIESO führen sie diese Diskussion?"
 
"Oh, es ist ... interessant. Also, können sie eine Explosion SEHEN oder ERLEBEN sie eine Explosion?"
 
"Beides, denke ich. Und sie sind sicher, daß die Diskussion nur theoretisch ist?"
 
"Sicher, wir befanden uns gerade in einer Phase elementarer Diagnose-Prüfungen, die auf atypischen Umweltbeobachtungsmethoden basieren, als die Frage aufkam."
 
"Ja. Richtig! Gut, ich denke, dann hätten wir alles geklärt ..."
 
Irgendwie abwesend spaziert der Chef davon, was mich - das muß ich gestehen - etwas verwirrt.
 
"Was war denn das?"
 
"Mmm?" fragt der PJ und schreibt etwas auf sein Klemmbrett.
 
"Er ist hergekommen, weil es etwas wollte, und dann verschwand er einfach wieder?"
 
"Ich vermute einen Speicherüberlauf."
 
"?"
 
"Speicherüberlauf. Sie wissen schon, wenn die Leute etwas hören, was sie sich merken sollen oder was sie nicht begreifen, dann landet es in ihrem geistigen Speicher. Und sind zu viele Dinge in ihrem Speicher, die sie sich merken wollen, dann gibt es einen Speicherüberlauf und sie vergessen etwas."
 
"NATÜRLICH, DAS HABE ICH ERFUNDEN", rufe ich aus. "Natürlich wußte ich das. Aber diesmal waren es doch nur zwei Dinge!!!"
 
"Ja, ich weiß. Es sieht so aus, als reagiere sein geistiger Speicher in letzter Zeit etwas empfindlich."
 
"Also haben sie ihn mit Absicht hervorgerufen?"
 
"Ja, nun, es hat mich interessiert ..."
 
"Warum?"
 
"Warum nicht?"
 
"Aber sie müssen doch einen Grund haben!"
 
"Es geht um ein Experiment, das ich durchführe", beschreibt der PJ. "Ich will herausfinden, wo der exakte Punkt für dieses Phänomen liegt, wo er vom ´Interessiert-Modus´ in den mentalen Schutz-Modus umschaltet. Es ist wie eine Art Kunst. Man kann manchmal beinahe das ´Klick´ hören ..."
 
"Und das Ziel dieses Experiment ist was?"
 
"Nun, es geht um eine erweiterte Form der Bastard-Forschung. Ich untersuche, unter welchen bestimmten Umständen Speicherfehler auftreten und wie sie verursacht werden können. Natürlich mit dem Ziel, zukünftigen Ereignissen vorzubeugen ..."
 
"Da bin ich mir sicher", antworte ich, wobei ich dem Altruismus des PJ an diesem Punkt nicht ganz traue.
 
"Es ist wirklich so! Dies ist ein sorgfältig vorbereitetes Experiment! Ich habe herausgefunden, daß durch das Variieren der Speichermethode und der äußeren Umstände der Effekt verstärkt werden kann ..."
 
"Und das geschieht wie?" frage ich, ein wenig fasziniert und - seien wir ehrlich - noch immer gelangweilt.
 
"Lassen sie es mich beschreiben", erklärt er und wirkt auf einmal wie ein Kauz, der voller Begeisterung über seine Forschung ist. Was er auch ist - das muß ich irgendwie zugeben. "Nehmen wir Objekt A, das wir zur Verdeutlichung Chef nennen wollen."
 
"Nein, er ist es nicht!" werfe ich ein.
 
"Ja, sehr drollig. Nun, wir haben also Objekt A und wir machen es mit verschiedenen Konzepten bekannt, von denen es noch nie etwas gehört hat - nehmen wir ´Anweisungsgesicherte Programmierung´, ´Quell-basiertes Routing´ und, hm, ´Persönliche Hygiene´. Sein Speicher läuft über, wenn das dritte unbekannte Konzept verarbeitet werden soll - in einer harmlosen Form vergißt er einfach, was er gerade tut."
 
"Ja ..." stimme ich zu, da ich das auch schon in einigen Fällen beobachten und in noch mehr auslösen konnte.
 
"Fügen wir nun noch ein Element von Dringlichkeit zur beschriebenen Situation hinzu, zum Beispiel: ´Der IT-Chef will in zehn Minuten von ihnen alle relevanten Informationen hören über ...´, dann ändern sich Art und Zeit bis zum Speicherüberlauf dramatisch. Dann braucht es nur noch zwei Dinge, um die Reaktion auszulösen, und die Symptome sind noch verwirrender."
 
"Sie arbeiten wohl schon eine Weile an der Sache, oder?" frage ich mitleidig.
 
"Ich habe sogar ein Diagramm!"
 
"Wieso dachte ich mir das eigentlich schon ..."
 
"Ah, nun, schauen sie es sich doch an."
 
Der PJ gibt mir das Klemmbrett, auf dem ein großes Diagramm mit bunten X-Markierungen an verschiedenen Stellen zu sehen ist.
 
"Was stellen die Achsen dar?" frage ich, da mein Interesse erwacht.
 
"Die X-Achse steht für die Stärke der zusätzlichen Antriebs, während die Y-Achse die Dinge angibt, die sich im Speicher befinden."
 
"Ah, ja. Ich sehe es. Ein klar fallender Kurvenverlauf. Oh, Moment! Er konnte sich vier Dinge merken ... bei mittlerem zusätzlichen Druck?"
 
"Ja, er hatte einen Notizblock dabei, den ich nicht sehen konnte!"
 
"Was für ein Schummler." äußere ich meine Anteilnahme.
 
"Ja, das hat meine Forschung für einen Moment durcheinandergebracht. Doch zum Glück brach die Spitze seines Bleistifts ab, als ich ´Schwulen-Pornographie´ erwähnte, sonst hätte das eine noch größere Unregelmäßigkeit gegeben. An der Barriere, daß nach nur einem Element der Speicherüberlauf eintritt, bin ich bisher aber noch gescheitert."
 
"Was haben sie denn versucht?"
 
"Das übliche: Drohung mit Rauswurf, Stellenkürzungen und Managementwechsel, Lohnkürzungen, Verspottung durch die Untergebenen, sie kennen das ja."
 
"Aha. Könnte ich es einmal versuchen?"
 
"Legen sie los!"
 
Ich will das Eisen schmieden solange es noch heiß ist, also such ich mir in einem Archiv für erotische Geschichten ein schmutziges Geständnis, passe Namen und Plätze so an, daß sie auf die Sekretärin des Chefs zutreffen, und schicke ihm eine Kopie, wobei ich sie als Absender angebe.
 
Erwartungsgemäß schickt der Chef noch innerhalb eines Prozessortaktes eine Kopie an den Drucker und rast dann zu diesem, um sicher zu sein, daß niemand die Beichte abfangen kann. Doch durch einen seltsamen Zufall scheint es ein Problem mit der Druckerwarteschlange zu geben, so daß sein Druckauftrag in der Warteschlange feststeckt.
 
"Es gibt ein Problem mit der Warteschlange für den Drucker", beschwert er sich und hält immer wieder nach dem Drucker Ausschau, falls der in seiner Abwesenheit doch noch loslegt.
 
"Ja, ich weiß", antwortete ich und heuchle Besorgnis. "Der IT-Chef hat sich auch schon darüber beschwert."
 
"Wirklich? Weshalb?" keucht er.
 
"Oh, anscheinend steckt auch ein Dokument von ihm in der Warteschlange."
 
"Aber da war nichts in der Warteschlange!"
 
"Ja, es war offensichtlich nur ein kleiner Auftrag, so daß er schon irgendwo im Drucker auf die Erledigung wartet. Ich werde mir die Sache gleich einmal anschauen und einen Warmstart durchführen, damit kein Auftrag verlorengeht."
 
"Ah. Nun, wissen sie was, warum löschen sie nicht einfach meinen Auftrag?"
 
"Das würde ich ja tun, wenn ich könnte. Aber auf die Warteschlange kann ich komischerweise nur lesend zugreifen." antworte ich und bestätige ihm, was er durch 100maliges Anklicken von ´Abbrechen´ auch schon herausgefunden hat.
 
"Vielleicht sollten wir einfach den Drucker abschalten?"
 
"Nein, das wäre am schlimmsten - die Warteschlange könnte über den Status ihres Druckauftrages durcheinanderkommen und versuchen, ihn wieder und wieder abzuarbeiten."
 
[Manchmal hasse ich mich.]
 
"Na sowas, ist das nicht der Drucker, der da startet ..." jagt der PJ den Chef nach draußen.
 
"Sie Bastard ..." sage ich zu ihm, als der Chef den falschen Alarm erkennt und zurückkommt.
 
"Das ist FORSCHUNG!!!" schnappt der PJ verteidigend zurück.
 
"Ich schätze, damit liegen sie richtig." pflichte ich ihm bei und erhöhe die Priorität eines Auftrages, der gerade in der Warteschlange aufgetaucht ist und lasse ihn zum Drucker durch. Der Chef sprintet wieder zu dem Gerät, als er dessen Geräusch vernimmt, um den Ausdruck zu bekommen, bevor die Sekretärin kommt.
 
"Ihr Auftrag steckt offensichtlich in der Warteschlange fest." erkläre ich dem Chef, als er seinen Fehler bemerkt und mit Hochgeschwindigkeit in unser Büro stürmt. "Wissen sie was, ich könnte doch den Druckauftrag an den Drucker hier umleiten, um zu sehen, ob es hier funktioniert."
 
"Ah, in Ordnung", sagt der Chef abgelenkt, als der IT-Chef bemerkt, der sich lebhaft mit der Sekretärin unterhält - zweifellos über die neuentdeckte Begeisterung des Chefs für Sport am Arbeitsplatz -, als sie ihren Druckauftrag erneut abschickt.
 
Drei Klicks später rast der Chef - er hat keine Chance - zwischen uns und dem Drucker hin und her, als dieser mit dem Ausdruck beginnt.
 
Ein Blatt ringelt sich aus dem Gerät und landet in der Hand des Chefs.
 
"Das ist schon wieder der falsche Druckauftrag - kann es sein, daß es ihr Druckauftrag ist, der immer wieder abgearbeitet wird, wie sie das vorhin erklärten?"
 
"Nein, ich glaube nicht >klick klick<. Oh, hier haben wir es! Es ist ganz einfach, sie haben ihren Auftrag und sie hat den von ihnen. Der klassische Druckauftrags-Transpositions-Feh ..."
 
"ICH GLAUBE, WIR HABEN ES HIER MIT EINEM SPEICHERÜBERLAUF ZU TUN!" ruft der PJ begeistert. "SPEICHERÜBERLAUF! ICH WIEDERHOLE: SPEICHERÜBERLAUF!"
 
Nun, wenn es der Wissenschaft dient, kann es nicht schlimm sein, schätze ich ...


 
b.o.f.h.

© Simon Travaglia, 21.10.2001, Übersetzung: thomas w., 2001.