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b.o.f.h.
 
  bastard operator from hell  


Herzschlag oder Krebs ...

"Der Chef sieht blaß aus", erklärt der PJ, als der Chef mit auffallend bedächtigem Gang zur Arbeit schleicht.
 
"Yep." antworte ich, denn ich kenne alle Details der Geschichte. "Gestern war eine Beerdigung. Einer seiner Kameraden aus der PDP-11-Ära ist in das große himmlische Archiv aufgestiegen."
 
"Herzschlag?" fragt der PJ nach der Haupttodesursache von IT-Managern.
 
"Genau. Es scheint so, als hätte die alte Pumpe aufgegeben, als er sie überlasten wollte."
 
"Beim Auffüllen das Papierschachtes des Druckers?" fragt der PJ, der nach einem Grund für die Unfähigkeit unseres Chefs, solch eine einfache Aufgabe selbst zu erledigen, sucht (abgesehen von der offensichtlichen Möglichkeit, daß er ein fauler Bastard ist).
 
"Nein, es war noch mehr Anstrengung nötig!" erwidere ich.
 
"Internet-Porno-Marathon?!"
 
"Noch anstrengender ..."
 
"Doch nicht etwa ..."
 
"Genau!"
 
"Er hat die Treppe benutzt!!!"
 
"Tatsächlich. Man hat ihn im Treppenhaus zwischen der Management-Etage und der Kantinen-Etage gefunden, nachdem man ihn eine Woche lang vermißt hatte. Hätte es nicht die Brandschutzübung gegeben, dann hätte es wohl noch Monate gedauert, bis man ihn findet!"
 
"Das ist ja furchtbar!"
 
"Das ist es wirklich! Der Chef wird uns noch einigen Ärger bereiten!"
 
"Wieso?"
 
"Er hat diese krankhafte Angst und wird uns auf die Nerven gehen!"
 
"NOCH schlimmer, wollten sie wohl sagen. Aber um welche Angst geht es?"
 
"Nun, ihm wurde klar, daß er sich in einer Gefahrenzone bewegt - noch immer. Er wird sich ängstigen, sich Sorgen machen und dann seine Gedanken auf Probleme konzentrieren, um irgendwie gesünder zu leben."
 
"Durch das Einnehmen von Vitaminen?"
 
"Ja. Aber nicht nur das. Er wird zum Lunch laufen, vegetarische Speisen oder fettreduzierte zu sich nehmen und so weiter."
 
"Das klingt doch gar nicht so schlecht." wirft der PJ ein.
 
"Gut, das ist ja noch nicht der schlimme Teil. Aber dann wird er freitags nicht mehr in den Pub kommen ..."
 
"Keine Besäufnisse mehr?!!!"
 
"Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Denken sie weiter - keine unterschwelligen Botschaften mehr ..."
 
"Was?"
 
"Die hypnotischen Botschaften, die wir in die ersten sechs Minuten seiner Wet! Wet! Wet!-Kassette für die Heimfahrt mit der U-Bahn gemischt haben."
 
"?"
 
"Die Musik, die ihm die hypnotische Botschaft einflüstert, er ziehe Blondinen mit großen Dingern an ..."
 
"?!"
 
"Als sie ein paar Internet-Pornos haben wollten, aber keine Lust hatten, selbst danach zu suchen, und sie statt dessen aus dem Cache-Speicher seines Browsers kopierten."
 
"OH JA, jetzt erinnere ich mich. Aber ich brauche KEINE neuen Bilder!"
 
"Noch einmal, das ist alles nur die Spitze des Eisbergs. Wenn es ihm besser geht, wird er auch eher hier auftauchen. Und er wird als Fitneßmaßnahme durch das Gebäude marschieren, verkünden, er ´möchte sich ein Bild machen´. Und bevor wir noch wissen, wie uns geschieht, wird er Nutzer besuchen - und sie wissen ja, daß das nur zu Ärger führen kann."
 
"Wie können sie so weit in die Zukunft blicken?"
 
"Alles Erfahrung. Es ist immer dasselbe. Ein Freund gibt den Löffel ab und als nächstes kommt die ´Es-ist-Zeit-für-ein-völlig-neues-Leben´-Entscheidung, die sonst nur zum Jahreswechsel fällig ist."
 
"Yuhuhu ..." höhnt der PJ ungläubig.
 
"Dann schauen sie sich doch einmal an, was er an diesem Morgen trinkt." Schicke ich den PJ zum Getränkeautomat.
 
"Ich kann es nicht glauben!" schnieft er. "Er hat Süßstoff in seinen Tee gemischt statt der üblichen drei Stücke Zucker."
 
"Süßstoff?" erwidere ich. "Habe ich es ihnen nicht gesagt? Aber jetzt machen wir einen richtigen Test."
 
Dieser Test ist etwas verzwickter und hinterhältiger. Ich lasse ein paar Schokoladen-Eclairs unbeaufsichtigt auf einem Tisch vor seinem Büro liegen, aber wie es das Schicksal will, ist sein Heilungsprozeß schon weiter fortgeschritten als ich dachte, und so ignoriert er sie und begibt sich unter dem Vorwand, die Beziehungen zu unseren Klienten verbessern zu wollen, nach unten ...
 
"Es ist ernst!" jammert der PJ und blickt auf die Aufgabenliste, die der Chef hinterlassen hat. "Er will, daß wir die ´Hände der Nutzer halten´, während die die Programme für die Datensicherung prüfen. ´Nutzerzufriedenheit´ nennt er das ..."
 
"Warten sie einfach bis zum Morgentee."
 
Die Zeit für den Tee kommt, und ein selbstsüchtiger Bastard hat die zwei Eclairs gegessen, die, das kann ich hinzufügen, sehr lecker waren. Der PJ und ich versuchen, den Chef mit Schokoplätzchen zu locken, aber er scheint dagegen immun zu sein, seitdem er am Nachtmittag des Vortages ein paar Scheiben Vollkornbrot gegessen hat. Der arme, kranke Kerl.
 
"Jemand muß etwas unternehmen!!!" jammert der PJ voller Panik. "Er denkt darüber nach, um 16 Uhr ein Treffen mit den Nutzern abzuhalten."
 
"ZUR KNEIPENZEIT!" rufe ich. "NUR ÜBER MEINE LEICHE!"
 
ZUR LUNCHZEIT
 
"Nur einen Gemüsesalat für mich." seufzt der Chef leise.
 
"Wollen sie denn gar keine dieser Zwiebel-Bhajis?" will der PJ wissen und lädt plangemäß ein paar davon auf seinen Teller.
 
"Nein, heute nicht."
 
"Und das ist eine gute Idee", füge ich hinzu und lade ein gutes Dutzend auf meinen Teller. "Nicht gerade eine gesunde Ernährung, voller Cholesterin! Ich wünschte, ich hätte die gleiche Ausdauer wie sie! Aber ich bin schwach. Ich sehe sie dort, denke an ihren würzigen Geschmack und kann nicht mehr widerstehen. Dieser herrliche Geschmack! Ich wünschte, ich könnte stark sein - aber ich kann es nicht. Oh, und sehen sie hier, gebratenes Huhn ist ebenfalls auf der Speisekarte - sie verdienen wirklich Respekt für ihre Kraft!"
 
Ich gönne mir eine mehr als überreichliche Portion der Erwähnten Speise und lasse die fettige Soße über die Bhajis rinnen ...
 
Die Maske der Gleichgültigkeit bröckelt kaum merklich, aber er gibt noch nicht auf, der arme Kerl. Wie auch immer, im Geist erinnere ich mich an die Szene aus Das Boot, als das U-Boot sehr weit aus dem Wasser herausragt und der Rumpf langsam zerbricht ...
 
... nur noch 10 Meter ...
 
Um sich nicht weiter der Versuchung auszusetzen, marschiert der Chef in den gesünderen Bereich der Erbsenzähler (und Erbsenesser) in der Kantine und läßt uns mit unserer cremigen Nachspeise allein. Doch wir trotten hinter ihm her und setzen uns an seiner Seite.
 
Was ich auf den Tellern der Leute sehe, ist eklig - alles grün, keine Kohlehydrate, kein Fett. Alles so, wie es auf dem Diätplan steht, den sie im Fitneßclub bekommen haben. Selbst das Essen des Chefs wirkt schon etwas dekadent in dieser Umgebung.
 
"Wie geht es, Kollegen?" plaudere ich fröhlich drauflos und mustere die starken Beherrscher der Zahlenkolonnen. "Oh, ist das ein GANZES Salatblatt??!! Stellen sie sich vor, wie es mit diesen Hormontabletten wirken könnte, wenn sie ZWEI Blätter essen würden!!"
 
Die Stille ist ohrenbetäubend, auch wenn ich im Hintergrund noch das leise Geräusch vernehmen kann, das ein Elektroschocker verursacht, den der PJ unter seinem Tablett verbirgt ... Und dann ...
 
"Wollen sie etwas?" fragt einer von den Erbsenzählern.
 
"Nein, nein, nur einen kleinen Rat. Sie sehen so aus, als würden sie sehr auf sich achten?"
 
"Verglichen mit anderen Leuten", höhnte ein anderer Erbsenzähler und schaut auf mein Festmahl herab.
 
"Ja, ja. Aber trotzdem, ist es wahr, was ich alles über diese künstlichen Süßstoffe gehört habe, daß sie mit dem großen K zusammenhängen könnten?"
 
Der Ausdruck im Gesicht des Chefs verändert sich leicht und ich frage mich, ob ich auch den letzten Rest Menschlichkeit verloren habe, da ich so grausam bin.
 
"Kyodai Mahjongg?" fragt der PJ.
 
"Nein, Krebs." antworte ich höflich.
 
"Oh, ja", ruft einer von ihnen und springt auf das, was wohl sein Steckenpferd (Es gibt immer einen.) ist, und galoppiert los. "Sie könnten auch UNKRAUTVERNICHTER statt dieser künstlichen Süßstoffe essen! Sie sind so krebserregend, daß erst neulich ... OHMEINGOTT, ER IST OHNMÄCHTIG!"
 
Alle Augen ruhen nun auf dem Chef, dessen Gesicht auf meinem Teller gelandet ist und Hühnersoße auf mein neues Administratoren T-Shirt gespritzt hat.
 
"Bewußtlose kauen nicht", merkt der PJ an.
 
Der Chef macht eine Pause von meinem Essen, um nach Luft zu schnappen.
 
"Sie sind etwas verwirrt!" stelle ich fest. "An dem Treffen mit den Nutzern können sie in diesem Zustand nicht teilnehmen. Soll ich es auf den morgigen Nachmittag verschieben?"
 
"Vergessen sie diese A***löcher!" murmelt der Chef.
 
"Willkommen daheim, Sir", sagt der PJ und reicht dem Chef die Hand.
 
Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.


 
b.o.f.h.

© Simon Travaglia, 16.08.2001, Übersetzung: thomas w., 2001.