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b.o.f.h.
 
  bastard operator from hell  


Bastard-Plan 437f ...

Wir sitzen in der zweitlangweiligsten Versammlung der Welt (den ersten Platz hält noch immer die Diskussion darüber, welche Windows-Version am besten zu uns paßt) und der neue Chef läßt sich begeistert und zusammenhangslos darüber aus, wie sich die Informationstechnologie entwickeln könnte, wie wir uns darauf vorbereiten können und so weiter ...
 
Was nicht so schlimm ist, da ich gerade im Schiffeversenken gegen den PJ gewinne, das wir über unsere PDAs spielen, die über die Infrarot-Schnittstelle verbunden sind ... (Irgendwie muß ich verhindern, daß sich mein Gehirn in den Energiespar-Modus verabschiedet, und Schiffeversenken ist dazu eine gute Gelegenheit, bis jemand Quake auf den PDA portiert.)
 
Allerdings sind wie noch nicht einmal beim "Was ich in der vergangenen Nacht geträumt habe"-Teil angelangt, als meinem PDA der Strom auszugehen beginnt. Was bedeutet, daß meine einzige Chance, die Schiffe des PJ zu versenken, darin besteht, den Chef nach ihm zu werfen.
 
Aber es ist immer gut, einen alternativen Plan zu haben.
 
Ich informiere den PJ über die Infrarot-Schnittstelle über mein Unglück, und er signalisiert mir, daß er mir Zeit zum Aufladen verschaffen wird, indem er den Bastard-Plan 437f anwenden will - Vortäuschung einer Ohnmacht. Er setzt offenbar darauf, daß ich dem Buchstaben besondere Beachtung schenke und ihn nicht nach Plan 437h behandeln werde, da der Defibrillator Brandmale hinterlassen kann, wenn er zu sehr aufgeladen wird. Mental schwelgt er offensichtlich in der Erinnerung an die letzten Tage und wie nett er zu mir war - nur für den Fall, daß ich auf den Gedanken komme, zu dramatischen Rettungsmaßnahmen zu greifen.
 
Alles in allem hat er wohl ein reines Gewissen - obwohl ich noch immer nicht weiß, ob er mich in der vergangenen Woche im Kabelschacht eingesperrt hat ...
 
Ein dumpfes Geräusch erklingt, als der PJ mit dem Kopf auf dem Tisch aufschlägt und zu Boden rutscht.
 
"Ups, wo war ich nur mit meinen Gedanken?" keuche ich Momente später - und beweise, daß sein Gewissen doch nicht so rein sein kann, wie er glauben machen wollte ...
 
"Sie sind ohnmächtig geworden!" rufe ich enttäuscht und schalte den Defibrillator wieder ab.
 
"Oh, ja. Ich fühle mich etwas benommen, ich glaube, ich brauche etwas frische Luft."
 
"Lassen sie mich ihnen helfen", beeile ich mich und stütze ihn. Zusammen mit ihm steuere ich die Fahrstühle an.
 
...
 
"Man wird uns suchen!" erklärt der PJ, als er die zweite Runde Bier an den Tisch bringt.
 
"Nun, ich schätze, daß wir noch gut fünf Minuten haben, also sollten sie schnell trinken!"
 
"Ich schaffe es nicht, in dieser Zeit das Bier zu trinken!"
 
"HEY! Sie müssen auch noch einen halben Liter Apfelsaft trinken, damit man uns die Diabetes-Geschichte glaubt!"
 
"Diabetes?"
 
"Ja, ein Atem, der nach Aceton und Apfel riecht. Auf diese Weise kann ich behaupten, es sähe nach einem Zuckerschock aus, wenn sie in der Besprechung zusammenbrechen und ins Krankenhaus gebracht werden müssen - hoffentlich, bevor der Chef das Ausdrucken von Daten als alternative Methode zur Datensicherung vorschlägt."
 
"WENN ICH MICH NICHT IRRE, hat der Chef ABER gesagt, wir sollten all unsere Dokumente im web-basierten Datenbanken mit Schlüsselwort-Indizierung speichern, als wir verschwanden. Also das komplette Gegenteil!!"
 
"Oh, das war nur ein Vorschlag." bemerke ich wegwerfend.
 
"Ein Vorschlag?"
 
"Ja, ein Vorschlag, eine Idee, wie man etwas machen kann. Der Chef macht ein paar Vorschläge, hört ihre Meinung dazu und macht dann trotzdem, was er will. Nur mit dem Unterschied, daß er behaupten kann, er hätte sie als Fachmann konsultiert, so daß sie die Verantwortung tragen, wenn etwas nicht plangemäß funktioniert."
 
"Was bedeutet ..."
 
"Was bedeutet, daß wir möglicherweise Tahoma als Standardfont für die Textverarbeitung empfohlen haben, Rot und gold als Farben für Firmenhandys und fette Schrifttypen für die Firmenbriefe. Eben all die wichtigen Dinge, für die die Leute Anweisungen benötigen ..."
 
"Und da ist wirklich nichts technisches dabei?"
 
"Oh, natürlich geht es auch um Technik - darauf können sie Gift nehmen. Ich denke da an Anweisungen, die Initialen des eigenen Namens als Passwort zu benutzen, durch die Benutzung der rechten STRG-Taste die Abnutzung der linken STRG-Taste zu verringern oder aber eine Anweisung, für interne Witze nur Kursivschrift zu benutzen."
 
"Also nichts TECHNISCHES?"
 
"So würde ich das nicht sagen. Wenn wir zurückkommen, werden wir bestimmt erfahren, daß SAN und NAS identisch sind, weil die gleichen Buchstaben benutzt werden, daß Turbo Linux das beste Betriebssystem ist, da es einen Turbolader hat, und Visual Basic die beste Programmiersprache für Blinde ist ..."
 
"Also geht es nicht um Technik?" wiederholt sich der PJ einmal mehr.
 
"So ist es."
 
"Wer wird die ´Empfehlungen´ lesen?"
 
"Nun, zunächst einmal die anderen Manager - die verstehen ja meistens noch weniger von Computer als von Mistkäfer-Farmen, dann, nach einer weiteren Beratung, die Geschäftsführung."
 
"Und die wird sich das bieten lassen?"
 
"Mit neuen PDAs und der Möglichkeit Schiffeversenken zu spielen? Die werden sich nicht rühren!"
 
"Also bleibt alles an uns hängen!" ächzt er.
 
"Was schlagen sie vor?" frage ich und gebe dem PJ die Gelegenheit, seine Vostellungen zu äußern.
 
"Das ist ein Geheimnis ..." murmelt er.
 
Ein tragisches Diabetes-Koma später beginnt er mit der Durchführung seines Planes, als wir blitzschnell verschwinden, um seinen Zuckermangel zu behandeln.
 
"Zwei Biere, bitte."
 
"Für mich ebenfalls." schließt sich der PJ an und verbindet sein Handy mit einer PCMCIA-Steckkarte seines Laptops.
 
"Und was haben sie nun wirklich vor?"
 
"Nun, ich wollte nachschauen, ob die Beratung schon beendet ist, so daß ich den Bericht, ähm, passend korrigieren kann ..."
 
"Sie werden es merken, wenn sie den Bericht ändern ..."
 
"Wieso?"
 
"Weil es ein zusammenhängendes und logisches Dokument wäre. Es gäbe keine Unklarheiten."
 
"Also sollte ich Fehler einbauen, um den Bericht glaubwürdig aussehen zu lassen?"
 
"Korrekt. Je offensichtlicher die Fehler sind, desto glaubwürdiger ist das Dokument. So würde zum Beispiel niemand empfehlen, Dateien auf CD-ROM zu sichern. Stattdessen würde man empfehlen, die Dateien auf Disketten zu speichern, so daß sie überall verwendbar wären."
 
"Und wo ist da der offensichtliche Fehler?"
 
"Oh, habe ich schon erwähnt, daß es dabei um einseitige Disketten mit Mac-Formatierung geht - aus Gründen der Sicherheit ..."
 
"Gut, ich werde sehen, was ich tun kann ..."
 
Ich lasse ihn arbeiten, während ich mich meinen Bieren zuwende. Der nächste Morgen bricht an, und ich schaue in meinem Postfach nach, ob die Bemühungen des PJs Früchte tragen. Und tatsächlich ist der überarbeitete Bericht durch die Sekretärinnen schon abgeschickt worden und, noch schlimmer, der Chef hat dafür gesorgt, daß er und nicht der PJ als Urheber gilt.
 
"Und wo sind nun die Fehler?"
 
"Die stehen auf der zweiten Seite", antwortet der PJ müde. "Nach dem Buchstabensalat."
 
"Oh, ich dachte, das sei eine PGP-Signatur!"
 
"Nein, da haben sie sich auf die Tastatur erbrochen, während ich die Rechtschreibung prüfen wollte ..."
 
>Klick klick klick<
 
"Ah, hier ist es ... Ja, ich mag die Idee, alle Formulardrucker auf doppelseitigen Druck umzustellen ... und hier, das Gesicht des Geschäftsführers auf allen Mauspads, um die Arbeitsmoral zu steigern. Aber was ist das hier? Wieso sollten wir NAS für die Dateiserver benutzen? Das klingt doch logisch?"
 
"NICHT, wenn man Novel nutzt ..."
 
Interessant ...


 
b.o.f.h.

© Simon Travaglia, 21.04.2001, Übersetzung: thomas w., 2001.