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b.o.f.h.
 
  bastard operator from hell  


Lügen, verdammte Lügen und die B.O.F.H.-Statistik ...

Der Paketdienst bringt mir ein Band mit Daten, das - WIE ÜBLICH - "sehr dringend" ist. Was bedeutet, daß der Chef vorbeikommen wird, um zu sehen, was Sache ist ...
 
"Was halten sie von dem Band?" fragt er dann, als er mit 0.000000003-facher Warp-Geschwindigkeit hereinstürmt, bevor ich die Gelegenheit habe, das Band vom Schreibtisch in den Mülleimer zu befördern.
 
"Welches Band?"
 
"Das Band mit den Daten der Kundenbefragung!" erwidert er. "Mit sehr wichtigen Daten für uns. Wir haben dem Marktforschungsunternehmen 25.000 Pfund dafür bezahlt, daß sie für uns eine elektronische Umfrage durchführen, um herauszufinden, was unsere Kunden wirklich wollen."
 
"Gute Produkte zu einem vernünftigen Preis?" schlägt der PJ vor.
 
"Nein, nein", lächelt der Chef herablassend. "Wir wollen wissen, was die Kunden sich WIRKLICH wünschen - Produktfarbe, -name, ob wir es verchromen sollen oder nicht."
 
"Unheimlich wichtige Eigenschaften", kommentiere ich und blicke den PJ mit rollenden Augen an.
 
"Ja! Wo könnte das Band sein?"
 
"Vielleicht wurde es noch nicht geliefert." sage ich.
 
"Nun, ich dachte, ich hätte den Mann vom Paketdienst gesehen, wie er das Haus verläßt", erklärt der Chef und zaubert eine Lieferschein für ein Paket hervor. "Und er hat gesagt SIE hätten das Paket bekommen."
 
"Ja", springt der PJ ein, der meine Leidenschaft für das Unterschreiben von Lieferscheinen nur zu gut kennt. "... oder vielmehr jemand ... ähm ... der John Major heißt. Arbeitet ER eigentlich bei uns?"
 
"Bei den Erbsenzählern vielleicht?" schlage ich hilfreich vor.
 
"Das ist auch unwichtig", erklärt der Chef einmal mehr und zaubert mit einem triumphierenden Lächeln ein weiteres Band hervor. "Für diesen Fall habe ich mir ebenfalls eine Kopie liefern lassen!"
 
Er reicht es mir und verfolgt mit Argusaugen, was ich mache.
 
"Machen sie schon!" ruft er. "Was für Daten sind darauf?"
 
"Nun, da ich das Band gerade erst bekommen habe, ist das nur schwer zu sagen", antworte ich und kann die Neugier des Chefs nicht verstehen.
 
"Es ist aber wirklich wichtig!" plappert er und stellt damit noch einmal für die KOMPLETTEN Idioten klar, weshalb er in unserem Büro ist.
 
"Ja, ja." murmle ich und schiebe das Band in das externe Lesegerät meines Rechners.
 
Im Normalfall - das muß ich zugeben - lese ich fremde Datenbänder nur einmal - indem ich sie durch die Virenscanner-/Lösch-Kombination schicke (Und tatsächlich hat es noch kein Virus durch die soliden magnetischen Prüfroutinen geschafft.). WIE AUCH IMMER, wenn ich von dieser Regel abweiche, so tue ich das nur, um den Chef wieder loszuwerden, der uns sonst den ganzen Tag lang mit seiner Anwesenheit nerven würde.
 
Als das Band im Lesegerät liegt, mache ich eine interessante Feststellung: "Das Band ist leer." erkläre ich dem Chef, wobei ich den Ausdruck des Unglaubens in seinem Gesicht ignoriere.
 
"Das kann nicht sein! Es wurde von einem professionellen Unternehmen beschrieben!"
 
"Dann müssen sie Blindenschrift verwendet haben."
 
"Oder eine Filzstift!" meint der PJ, der sich daran erinnert, daß ich einmal mit einem Stift den Anfang von Bändern mit ´Der Chef ist impotent!´ beschriftet habe, damit der Verantwortliche für die Sicherheitskopien auch einmal etwas zu lachen hat.
 
"Nun, spulen sie doch etwas vor, vielleicht beginnen die Daten weiter hinten." ruft der Chef aufgeregt. "Vielleicht hatten sie es nicht korrekt zurückgespult, als sie es beschrieben."
 
"Das kann nicht passieren", antworte ich. "Alle Datenbänder haben eine Markierung, die den Beginn darstellt. Wenn nach dieser Markierung nichts ist, dann ist das Band leer."
 
"Aber ... aber ..."
 
"Schauen sie mal, ich werde es ihnen zeigen", sage ich und greife nach dem erst vor kurzer Zeit im Müll gelandeten Band, von dem ich noch schnell den Aufkleber abziehe, damit der Chef keinen Verdacht schöpft, und lege es ein. "Hier ist ein Band mit, ähm, periodisch auftretenden Lesefehlern, das wir deshalb ausgemustert haben."
 
Ich starte den Lesevorgang.
 
"Hier, schauen sie, Daten!"
 
"Tatsächlich."
 
"Und der Datenblock beginnt am Anfang des Bandes. Alles gültige Daten. Nebenbei, mit welchem Programm wollten sie denn die Daten auswerten?"
 
"Oh, mit diesem Programm", erwidert der und holt eine Diskette aus der Büchse der Pandora hervor, die sein Anzug darstellt.
 
Ich schiebe die Diskette in meinen Rechner und starte das Programm (ohne den üblichen Virentest, da ich das Risiko liebe) und lasse es auf die Daten auf dem Band los.
 
"Nun", rufe ich. "Wenn wir DIESES Band als Beispiel nehmen, dann sagen die Daten, daß ... 68% der Kunden englisches Rasengrün oder Kobaltblau bevorzugen, während 11% rötliche oder braune Farbtöne bevorzugen ... 73% wünschen sich einen Namen, der nach dem Englischen klingt, um sich von asiatischen Produkten abzugrenzen ... 67% mögen Chrom, wobei 53% davon die Dominanz dieser Oberfläche nicht wünschen ... uh, 67% der Befragten gehören zu den Besserverdienenden und erstaunliche 83% sagen, daß sie regelmäßig unsere Produkte kaufen."
 
"Das klingt nicht schlecht. Und tatsächlich die meisten ein höheres Einkommen." erklärt der Chef.
 
"Halt", unterbreche ich ihn und bringe seine Seifenblasen zum Platzen. "Das ist ein Band, das ich aus dem Müll gefischt habe. Die Ergebnisse stellen nur eine Interpretation der Binärinformationen auf dem Band dar."
 
"Ja, aber es ist so genau - das KÖNNTEN die Daten der Umfrage sein!" antwortet er.
 
"Hmmm, und das stimmt sie nicht nachdenklich?"
 
"Nachdenklich? Wieso?"
 
"Nun, wenn eine Umfrage ALLES bestätigt, was sie ohnehin schon wußten, wieso sollte man dann Unsummen für eine solche Befragung ausgeben? Ich zum Beispiel möchte nicht in der Haut desjenigen stecken, der die Befragung vorgeschlagen hat und dann mit einem Befragungsergebnis wie diesem auftaucht ..."
 
Der Chef ist plötzlich völlig ruhig.
 
"Nein", fahre ich fort. "Was sie brauchen, sind Ergebnisse, die niemand erwartet - die uns etwas sagen, das wir nicht wissen! Ähnliche Ergebnisse, aber ein wenig variiert."
 
Eine 15 Watt-Birne erleuchtet plötzlich das Gehirn des Chefs.
 
"Haben sie noch ähnliche Daten wie auf diesem Band?"
 
"Keine Ahnung", murmle ich und blicke zum PJ. "Was war eigentlich auf dem Band?"
 
"Leichte Pornographie." antwortet er, der es offenbar irrtümlich für eines unserer Archivbänder hält.
 
"WAS?!?"
 
"Wir, nun, wir machen Kopien von den Dateien der Nutzer, bevor wir sie löschen", erkläre ich. "Falls sie sich beschweren und hinterher alles leugnen sollten."
 
"Ah. Also bräuchte ich milde Pornographie für die Datenauswertung."
 
"NEIN!" rufe ich. "Leichte Pornographie wird nicht funktionieren, die Ergebnisse wären unglaubwürdig, wie wir gesehen haben. Wir brauchen ANDERE Daten. Harte Pornographie sollte funktionieren."
 
"Harte Pornographie?!" fragt er ängstlich.
 
"Ja", antwortet der PJ. "Vielleicht sogar mit Tieren. WENN sie wirklich gute Ergebnisse wollen, die ihren Hintern retten ..."
 
...
 
Zwei Tage später gibt der Chef seine Abschiedsfeier (nach dem großen Porno-Skandal, der dem großen Umfrage-Skandal folgte, bei dem der Chef Ergebnisse präsentierte, nach denen die Kunden lila-gelblich-glänzende Produkte mit Namen wie ´Kamakuza´ bevorzugen würden, die reichlich von Leuten mit niedrigen Einkommen gekauft würden) ...
 
"Wie konnten sie das nur herausfinden?" fragt mich der Chef.
 
"Nun, ich fürchte, es war ihr Fehler, daß sie die Dateiendung der Daten, die sie mit der E-Mail herumgeschickt haben, bei .mpeg belassen haben." murmle ich.
 
Seufz ...
 
Trotzdem, es war Zeit für einen Wechsel ...


 
b.o.f.h.

© Simon Travaglia, 06.07.2000, Übersetzung: thomas w., 2001.